Konrad Zuse als Computer-Pionier
Originalton als MP3-Datei In Veröffentlichungen ist von Ihnen die Rede als "Vater des Computers", "Erfinder des Computers", "Computer-Pionier".
Als was verstehen Sie sich ?Am besten als Pionier, nicht wahr, denn über den Begriff "Vater" kann man natürlich streiten. Was heißt das? Definieren Sie mal? Da können Sie zurückgehen auf den alten Engländer Babbage, der schon im vorigen Jahrhundert die Idee hatte und auch gebaut hat, dessen Gerät aber nicht funktioniert hat - also; war er nun der Vater des Computers oder nicht, nicht wahr, das ist reine Definitionssache. Und bei Erfindern ist es
dasselbe, nicht. Ein Erfinder kann nur auf dem Papier gearbeitet haben und hat trotzdem eine bedeutende Erfindung gemacht - das war bei Babbage der Fall, nicht. Also insofern kann man sagen, die Grundgedanken, theoretisch, hat Babbage schon herausgearbeitet. Und dann natürlich an dem Computer selbst haben viele Erfinder gearbeitet, und ich hatte das Glück, daß meiner als erster lief. Und es waren ein paar Jahre später in den USA mehrere am Werk - mehrere Parallelentwicklungen liefen dort - und sie alle kann man als Pioniere bezeichnen, und natürlich auch als Erfinder. Und die Frage "der Erfinder?" gilt nicht mal für das Telefon, nicht mal für das Auto. Wer war
"der" Erfinder des Autos? Benz gehörte zumindest zu den ersten, aber dann kam nachher Ford und so weiter, und wessen Wagen nun zuerst gefahren ist, kann man sagen, das ist der Erfinder, aber daß das Ding nachher wirklich in die Breite ging, das haben wieder andre gemacht; genauso war es mit der Dampfmaschine, da ist es - vor Watt war schon ein anderer da, der hat ähnliche atmosphärische Maschinen gehabt. Einen greift man dann heraus, und hier ist es geschichtlich eben eine Tatsache, daß mein Computer, die Z3, 1941 wirklich schon Programme für Wissenschaftler und Ingenieure gerechnet hat, das ist nun eine Tatsache, nicht. Und daran kann man natürlich sagen, gut, damit beginnt die Erfindung des Computers, aber vorher haben schon andere theoretische Arbeiten geleistet, nicht; der Babbage hat das vorher schon gehabt - der hat es zwar nicht vollendet - mein Gerät, was jetzt in Berlin steht, das war 1938 auch schon fertig, nur funktionierte es nicht gut. Ja bitte. Wer hat als erster die Idee gehabt - das bringts doch überhaupt nicht, nicht, und wer hat als erster schriftliche Grundlagen gegeben, die beispielsweise in einer Patentanmeldung niedergelegt wurden und so fort - war der der Erfinder? Oder war derjenige der Erfinder, der ein Gerät gebaut hat, was wenigstens einigermaßen das demonstrierte, oder erst derjenige, der nachher ein Gerät gebaut hat, das wirklich absolut funktionierte, nicht, oder war derjenige der Erfinder, der daraus nachher das und das gemacht hat - das ist also eine reine Definitionssache, nicht.
Aber Sie sehen sich dann eher als Pionier, mit anderen?
Zu den Pionieren zähle ich mich unbedingt, ich habe aber auch nichts dagegen, daß Sie mich als Erfinder des Computers bezeichnen, solange Sie sich im klaren sind, daß ich nicht der einzige bin; da gibt es natürlich neben mir noch mehr, ich hatte nur das Glück, daß meiner zuerst lief, nicht.Man trifft, wenn man von Ihnen liest, auf die unterschiedlichsten Tätigkeitsbezeichnungen:
Erfinder - Forscher - Wissenschaftler - Ingenieur - Konstrukteur - und sogar Bastler-Ingenieur.
Das gehört ja alles zusammen, nicht.
Und das ist Ihnen alles gleich lieb?
Nun ja, Erfinder und Forscher liegt dicht nebeneinander, nicht wahr, ist klar, der Forscher ist im allgemeinen mehr wissenschaftlich tätig, nicht ...
... und der Erfinder mehr technisch ...
... ja, mehr technisch, das ist richtig, nicht wahr, dann Bastler, ja, weil ich als erster meine Geräte selbst persönlich gebastelt habe, nicht, das stimmt schon alles, nicht.Mit welchem Ihrer Computer identifizieren Sie sich denn am meisten?
Ja, Moment, was soll die Frage? Was heißt, ich identifiziere mich mit einem bestimmten Computer?
Ja, sagen wir mal, welcher liegt Ihnen besonders am Herzen: der, durch den Sie berühmt geworden sind, die Z3 ...
... damit bin ich nicht berühmt geworden, erst viel später, damals hat nur ein ganz kleiner Kreis davon gewußt, und insofern war die Z3 natürlich - weil sie als erste gearbeitet hat, kann man sie als einen Markstein bezeichnen, man muß aber die in Berlin stehende Z1 auch als einen Markstein sehen, es gibt eben immer mehrere Marksteine, nicht.Die Transistorentwicklung kam ja in den fünfziger Jahren auf, als Sie noch Röhrencomputer bauten.
Also, die ersten Ideen kamen schon Anfang der fünfziger Jahre auf, die Ausreifung aber erst Mitte der fünfziger Jahre und Ende der fünfziger Jahre.
Wie kamen Sie dann zum Transistor?
Nun ja, alle Welt redete vom Transistor damals schon, nicht wahr. Es war klar, die Röhrenmaschine - die Röhren waren verhältnismäßig unzuverlässig, es gehörte große Mühe dazu, die Röhrenmaschinen zu bauen und sie waren verhältnismäßig umfangreich und es war schon klar -über die Veröffentlichungen, und das, was vom Transistor bekannt war - daß, wenn der Transistor eines Tages gut durchkonstruiert ist, daß ... er würde besser sein als die Röhre, nicht, also versuchte man schon verhältnismäßig früh, Transistorgeräte zu bauen, aber mit unzureichenden Transistoren. Das konnten wir uns nicht leisten, zum Glück, nicht wahr, wir sind also erst dann auf die Transistorgeräte-Entwicklung übergegangen, als der Transistor auch eine gewisse Zuverlässigkeit erreicht hatte. Wir selbst konnten ihn sowieso nicht bauen, mußten ihn ja vom Markt beziehen, als es schon verhältnismäßig zuverlässige Möglichkeiten gab, ihn auf dem Markt zu beziehen und die Schaltungen als solche auch schon relativ klar durchgebildet waren - da sind wir eben dann logischerweise auf die Transistorentwicklung übergegangen.
Sie sagen jetzt "wir" - die Z3 haben Sie ja wahrscheinlich alleine gebaut?
Ja, bis zur Z3/Z4 und auch Z5/Z11, diese Relaisgeräte, da war ich im wesentlichen daran der Hauptbeteiligte. Bei den elektronischen Geräten wurde es nachher, wie man heute sagt, "teamwork", nicht, wir haben zusammengesessen, nicht, eine Grundidee kam von meinem damaligen Mitarbeiter, der inzwischen längst verstorben ist und auch andere, kann man ruhig sagen, abwechselnde Leute haben daran mit Ideen dazu beigetragen, so daß man also da von einem "wir" sprechen muß. Das war also schon nicht mehr typisch für meine Maschine, nicht, obgleich ich natürlich immer mit dabei war bei den Besprechungen, nicht, und letzten Endes vielleicht auch diese oder jene Entscheidung gefällt habe, aber grundsätzlich war es das Werk einer Gruppe von mehreren Wissenschaftlern; die einen waren mehr logisch eingestellt, die anderen mehr auf die Hardware...
... und Elektroniker ...
... ja, ja...
... und für die Elektronik hatten Sie Spezialisten, das haben Sie so nicht selber in die Hand genommen?
Was heißt in die Hand genommen? ... Ich habe ja schon vor dem Kriege einen Mitarbeiter namens Schreier gehabt, der die elektronischen Schaltungen schon ausgearbeitet hat, nur war es damals zu früh, da kam der Krieg dazwischen...
... Als Röhrenschaltungen?
Ja, Röhrenschaltungen, komplette, Entwürfe waren schon gemacht von Schreier, er hatte auch schon Vormodelle gebaut, nur sind die auch im Kriege verlorengegangen, und vor allen Dingen - er war ja auch hauptamtlich tätig an der Technischen Hochschule Berlin, Institut für Schwingungsforschung, und war dort u.k.-gestellt vom Militärdienst - es war also nicht möglich von einer deutschen Stelle, beispielsweise dem Luftfahrtministerium, einen Auftrag zum Bau eines Röhrengerätes mit zweitausend Röhren zu bekommen, das war damals im Kriege einfach nicht möglich - da ist das damals schon bei uns - die ersten Ansätze der elektronischen Richtung, die vielleicht wesentliche besser gewesen wären als das Gerät ENIAK - die sind dadurch schon versackt, nicht, das heißt, wir mußten nachher nach dem Kriege völlig neu anfangen, die Technologie war ja auch fortgeschritten, es gab bessere Röhren ... es gab vor allem die Diodenlogik, das war sehr wichtig ... da haben wir dann praktisch neu wieder angefangen. Die Schreierschen Schaltungen, die waren zehn Jahre alt, waren durch die Technik überholt - wir mußten also neu anfangen, nicht.
Diese Schaltlogik, die dem Computer zu Grunde liegt, die UND-Schaltung, die ODER-Schaltung und so weiter ...
... die sogenannte Schaltalgebra, die hatte ich ja schon Anfang und Mitte der dreißiger Jahre ausgearbeitet, und das einzige mechanische Gerät ist danach schon gebaut ... - beim Speicherwerk ging das da gut, aber bei dem Rechenwerk war es da doch zu schwierig, weil ein Rechenwerk eben einfach zu kompliziert aufgebaut ist, um das alles mechanisch zu lösen. Es ist uns zwar gelungen, aber es funktionierte eben auch schlecht, nicht, und es wäre sehr kostspielig gewesen, da Werkzeuge zu bauen mit der nötigen Genauigkeit; das hätte sich wiederum nurbei einer größeren Stückzahl gelohnt, und da setzte schon die Skepsis der Hersteller ein: ja lohnt sich das. Aber bei der Relaismaschine ist das so, da können Sie die Relais einfach nehmen, zusammenlöten, und die erste Versuchsserie können Sie schon einsetzen. Das war natürlich ein großer Vorteil; deswegen bin ich da erst mal auf die Relaismaschine übergegangen, aber ich habe meinem Freund Schreier gleich gesagt - wir wußten natürlich, wenn das mit der Röhre möglich ist, daß die Zukunft der Röhre gehören würde - er sollte erst mal die Grundschaltungen entwickeln, und das hat er auch gemacht. Nach dem Kriege konnten wir diese Entwicklung erstmal nicht fortsetzen; einmal wars verboten und auch grundsätzlich: die Voraussetzungen waren in Deutschland überhaupt nicht gegeben ...
... Materialbeschaffung?
... na, überhaupt, nicht, das wäre schwierig gewesen, und da haben wir dann eben - zunächst mal mit Relaisgeräten konnten wir gut Fuß fassen, weil ja die Röhrengeräte noch schlecht arbeiteten, funktionierten ja schlecht, es gab auch kaum welche auf dem Markt. In diese Lücke konnten wir einspringen mit einer Reihe von Relaisgeräten - und dadurch die Firma noch aufbauen, nicht. Damals wars natürlich klar: die Zukunft gehört der Elektronik, das wußten wir auch, nicht, und dann haben wir eben so Mitte der fünfziger Jahre oder Ende der fünfziger Jahre unsere elektronische Entwicklung begonnen, die aber doch leider ziemlich langwierig war, so daß wir um 58 herum die ersten Röhrengeräte ausliefern konnten.Und dann gingen sie wohl aber relativ schnell zum Transistor über, denn Anfang der sechziger Jahre hatten Sie ja bereits dann die Transistorgeräte.
Ja, natürlich, denn alle Welt schrie dann schon nach dem Transistor.
Und dann kam sehr schnell die Integrierte Schaltung, und damit auch der Investitionsbedarf, der zu groß war ...
Ja, und dann kam die Softwarewelle und so fort.Sie haben in Ihrem Leben viele unterschiedliche Computertypen entworfen und gebaut.
Wir haben unterrichtlich mit Ihrer Erfindung und letzten Endes auch mit Ihrer Wirkung in Bad Hersfeld zu tun.
Das ist heute praktisch überall der Fall, daß sich der Computer weitgehend durchgesetzt hat, auch in der Schule, das ist aber nicht meine Schuld, nicht, das haben die anderen gemacht. Als wir ursprünglich anfingen mit der Entwicklung der Computer, und was wir da in Bad Hersfeld gemacht hatten, das hatte an sich mit Unterricht - da kamen die ersten Ideen auf zur Unterstützung des Unterrichts mit Computer, das war alles noch ziemlich unklar und funktionierte nicht so richtig - also wir haben mit der Entwicklung, daß der Computer heute auch im Schulwesen eingesetzt werden kann, und mit Erfolg, habe ich persönlich auch nichts zu tun.
Aber Sie haben doch auch die Computerentwicklung in irgendeiner Weise mit beeinflußt.
Natürlich. Ich hatte das Glück, daß mein Computer als erster lief, und natürlich haben wir hier in Hersfeld und in der Nähe, im Kreis Hünfeld, damals noch in dem kleinen Dorf Neukirchen - haben wir dann weiterentwickelt - erst haben wir in Berlin entwickelt, dann hier.![]()
Und Hopferau, das war eine Zwischenstation?
Ja, wir mußten ja nach dem Krieg irgendwo hin.
Aber gearbeitet wurde dort nicht?
Da haben wir das Gerät auch aufgestellt, aber eigentlich nur zu Werbezwecken. Wir haben dann Verbindung bekommen zur Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich - oder mit der Firma IBM - da diente das Gerät diesen Verbindungen. Aber wir haben dort kein Rechenzentrum gehabt und konnten auch dort nicht entwickeln.
Das heißt, dort in Hopferau hatten Sie noch den Relais-Computer?
Ja, das war noch der Rechner Z4, den wir gerettet hatten den wir dort aufgestellt haben und an dem wir dort gearbeitet und zum Funktionieren gebracht haben mit Vorführprogrammen.
Und hier in Neukirchen haben Sie dann schon auf Röhren umgestellt?
Ja, das kam dann erst. Wir haben zunächst in Neukirchen auch mit Relais gebaut für die Schweiz zum Teil und für die Flurbereinigung, und Ende der fünfziger Jahre sind wir dann auf elektronische Geräte übergegangen. ... Dann sind wir nachher - der Betrieb wurde größer - nach Hersfeld gegangen ... wir waren tausend Leute, die Finanzierung wurde immer schwieriger, wir brauchten Kapital, ich hatte erst BBC als Teilhaber, und dann löste Siemens BBC ab. Es wurde dann doch so, daß es für mich als Privatperson - ich konnte natürlich nicht Schritt halten...
... mit der Chip-Produktion, die dann einsetzte?
- Ja, und Siemens legte sowieso - das ist ja ein Riesenbetrieb - ja - die haben nicht die Politik weiterverfolgt, daß wir in Hersfeld eine Gruppe von Entwicklungsingenieuren hielten, die von sich aus weiter Computer entwickelten - das war sowieso nicht im Sinne von Siemens, so daß ich in Hersfeld eigentlich auch keine rechte Aufgabe mehr hatte. Ich bin dann formell aus der Firma ausgeschieden und habe noch einen Mitarbeitervertrag. Aber offiziell habe ich mit der Firma in Hersfeld nichts zu tun, und es wird ihnen auch bekannt sein, daß Firma Siemens diesen Hersfelder Betrieb an die Firma Krone abtritt ...
Ihr Leben hatte viele Stationen- Berlin, Hindelang, Hopferau, Neukirchen, Hünfeld, Bad Hersfeld. Wie kam es, daß Sie ausgerechnet hier in Neukirchen begannen?
Ich hatte in Berlin schon einen Mitarbeiter gehabt, das war Herr Eckhard, der war hier zu Hause in dem kleinen Dorf Burghaun und auch nach Neukirchen hatte er eine Beziehung, der beschaffte mir damals nicht nur Arbeitsräume, sondern auch eine Wohnung, 49, wo ich mit meiner Frau und meinen - damals waren es zwei Kinder - einziehen konnte und man mußte ja irgendwo anfangen wieder, nicht, und durch die Bekanntschaft - er wurde mein Teilhaber - hat er eben das so gemanagt, daß - jetzt konnten wir eben hier wieder anfangen ... in Bayern konnten wir ja nichts machen. ... Nach Berlin zurückzugehen war sinnlos, nicht, da war alles kaputt, nicht.
Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Bad Hersfeld?... Hünfeld war sehr traurig, daß wir nicht hierher kamen, nicht, und wir haben uns dort hochgearbeitet dann, langsam und aus eigener Kraft, nicht, man kann also nicht sagen - Hersfeld war natürlich interessiert an uns, das ist ganz klar, nicht - aber man kann nicht sagen, daß Hersfeld sich besonders um uns beworben hätte, man kann auch nicht sagen, daß Hersfeld etwa besondere Opfer gebracht hätte, damit wir dorthin kommen; wollen wir es so mal formulieren, nicht. Wir kamen hin, wurden gern gesehen, und entfalteten uns aus eigener Kraft, natürlich hatten die Hersfelder nichts dagegen - so ist es gewesen, nicht. ...
... Wir haben jetzt so häufig über Bad Hersfeld gesprochen - haben Sie auch positive Erinnerungen an Bad Hersfeld?
Na sicher, na immerhin haben wir da die Firma aufgebaut, nicht, ganz klar.
Bad Hersfeld war für sie zunächst mal die Arbeitsstelle, der Arbeitsort ...
Ja, ich sehe es so ähnlich.
... hier in Hünfeld haben Sie gewohnt.
In erster Linie, selbstverständlich, sonst habe ich mit Bad Hersfeld - also - ich habe selbstverständlich positive Eindrücke von den Festspielen, ich bin ja da immer eingeladen, nicht, und so fort, nicht.