Zu Besuch bei Konrad Zuse, 
dem deutschen "Vater des Computers"

"Vorgeschichte"

Im Jahre 1990 waren ein Kollege, ich selbst und ein Schüler unseres Gymnasialzweiges bei Professor Konrad Zuse und seiner Frau zu einem Nachmittagskaffee in seinem Haus in Hünfeld eingeladen.

Vorausgegangen war eine telefonische Anfrage aus Kreisen unserer Schülerschaft, wie Konrad Zuse zu Überlegungen von Schülern und Lehrern unserer Schule steht, eine Bad Hersfelder Schule nach ihm zu benennen.

In den fünfziger und sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts hatte Konrad Zuse in Bad Hersfeld eine Computerfirma aufgebaut und damit einen wesentlichen Beitrag zum frühen Computereinsatz in Forschung und Verwaltung geleistet; zudem hatte er den ersten arbeitsfähigen programmierbaren Rechner der Welt im Jahre 1941 im praktischen Einsatz, wodurch er zu einem der Väter des Computers wurde. Nachdem seine Bad Hersfelder Firma in den sechziger Jahren von der Firma Siemens übernommen worden war, wandte sich Konrad Zuse neben repräsentativen Aufgaben einerseits der Rekonstruktion und Präsentation seiner ersten Computer für Museen in Berlin, München und Hünfeld zu, andererseits der Malerei mit Öl- und Pastellfarben.

Mein Kollege (ein Kunsterzieher) als "Künstler", ich als "Physiker und Techniker" und ein Vertreter unserer Schülerschaft (es hatten ursprünglich mehrere sein sollen, was aber an Terminproblemen scheiterte) folgten sehr gerne der Einladung nach Hünfeld. Wir freuten uns über das Angebot, in entspannter privater Atmosphäre ein Interview führen zu können, wobei ich besonders den Themenkomplex Computerentwicklung vertrat, mein Kollege besonders den Aspekt der Malerei und unser Schülervertreter besonders den Aspekt "Computer in der Schule". Dass dieses "Interview" dann doch mehr ein lockeres Gespräch zwischen allen Beteiligten (inklusive Frau Zuse) wurde, lag wohl auch an der gemütlichen Kaffeeatmosphäre und am schönen Sommerwetter dieses 27. Juni. Frau Zuse hatte einen Erdbeerboden vorbereitet, es gab Schlagsahne und einen guten Bohnenkaffee.

Vom Gespräch möchte ich nur die Passagen dokumentieren, die von allgemeinerem Interesse sind und von denen mir authentische Tonmitschnitte vorliegen, die wir mit freundlicher Zustimmung anfertigen durften. Auch die Fotos, zu denen wir bereitwillig ermuntert wurden, unterstreichen die gute Gesprächsatmosphäre; sie stammen von meinem Kollegen.

Zum eigentlichen Anlass unseres Besuches, der Frage nach dem Schulnamen, möchte ich nur anmerken, dass Konrad Zuse uns hier seine deutliche Zurückhaltung erläuterte, da die Hünfelder Berufsschule schon seinen Namen trägt und er durch die regionale Nähe Verwechslungsmöglichkeiten sah, denen er vorbeugen wollte. Sein Gegenvorschlag war, die Computerräume unserer Schule nach ihm zu benennen; er zeigte sich durchweg erfreut, dass Bad Hersfelder Schüler und Lehrer bei einer solchen Namensfrage an ihn gedacht hatten.

Zur Darstellung: mein Bemühen galt der authentischen Darstellung des gesprochenen Wortes - auch wenn das syntaktisch und orthographisch in der Verschriftlichung nicht immer korrekt aussieht. Wie es in Gesprächen häufig üblich ist, sind nicht alle Sätze vollständig - es sind häufig verbale Impulse, Denkanstöße, "angedachte" Hinweise oder auch absichtlich offen gelassene Ausführungen, die aber solche Gespräche lebendig, interessant, ungezwungen sein lassen. Das wollte ich herüberbringen. Der Leser ist aufgefordert, auch 'zwischen den Zeilen' zu lesen ...

Wer sich weitergehend mit den oft unkonventionellen Gedanken und Sichtweisen des Lebens von Konrad Zuse beschäftigen will, dem empfehle ich das 2009 im rowohlt-Verlag Berlin als "Roman" erschienene Buch von Friedrich Christian Delius "Die Frau, für den ich den Computer erfand" nach einem nächtlichen Gespräch zwischen F. C. Delius und Konrad Zuse auf dem Stoppelsberg in der Vorderrhön in einer Vollmondnacht des Jahres 1994, das sehr schön die Sprech- und Denkweise Konrad Zuses darstellt, wie ich sie erlebt habe,  und das erst, wie zugesagt, nach Konrad Zuses Tad zur Veröffentlichung kam...


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Quelle: www.fundgrube-physik-chemie.de